Zamirchor | Die Geschichte des Zamirchores
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Die Geschichte des Zamirchores

Chor_kleinIm Zuge seines Auftrittes bei der UN in Genf machte der Zamirchor einen Ausflug in die Schweizer Berge. Der bärtige Herr im Vordergrund ist Isaak Tavior, hinter ihm steht, als vierte Dame v. li., Chorleiterin Barbara Baier. Mit zwei Musikern, die sich in der Schweiz beim Skifahren anfreundeten, fing alles an: Die Geschichte des Zamirchors Bayreuth ist ein belebter Dialog zwischen Deutschen und Israelis, zwischen Juden und Christen – der internationale Wellen schlägt. Zamir (hebräisch: הזמיר ) heißt „Nachtigall“. „Ja, der Name ist nicht bedeutungsschwer, sondern bedeutungs-leicht“, zwitschert Barbara Baier. Sie ist die fröhliche Gründerin und Leiterin der musikalischen Ausnahme-Institution Zamirchor Bayreuth e.V. Die Opernsängerin und Gesangslehrerin ist, abgesehen von den zehn Jahren, die sie im Ruhrgebiet verbrachte, eine bodenständige Urfränkin. Ausgerechnet in Bayreuth, einem Ort, dessen Vergangenheit vorbelastet ist, weil hier Künstler zu Nazi-Mitläufern wurden und wo man sich bis heute gezwungen sieht, den unheilvollen Ruch des Antisemitismus, der von Richard Wagner selbst gesät wurde, weit von sich zu weisen – ausgerechnet dort geschah es, dass ein musikalisches Märchen der Völkerverständigung begann.

Mit Offenherzigkeit verändern
„Ich möchte junge Menschen dazu ermutigen, ihre Zukunft aktiv zu gestalten“, sagt die 50-Jährige mit den vielen Lachfältchen, die fest daran glaubt, dass der persönliche Kontakt zwischen Menschen das wahre Mittel zur Verbesserung der Welt ist. Soeben ist der Zamirchor von einem 8-tägigen Aufenthalt in Israel zurückgekehrt. Zu fünfzigst waren sie dorthin geflogen: Dreißig Sängerinnen und Sänger (bis auf zwei Gesangsprofis alles Laien zwischen 15 und 75 Jahren), dazu ein zwanzig Mann starker „Fan-Club“ – Freunde der Chormitglieder. Unter Ronen Borshevsky, einem Assistenten Zubin Mehtas, sangen sie dort das Mozart-Requiem und gaben ein Acapella-Konzert mit hebräischem und deutschem Repertoire, gemeinsam mit dem Jerusalem Oratorio Chamber Choir. Nicht die erste Zusammenarbeit der beiden Chöre: „Ich habe drei Ordner voll von Bildern, Kritiken und Informationen allein zu diesen Gemeinschaftskonzerten“, erzählt Baier, „dabei gibt es uns erst seit ein paar Jahren.“
UN-New-York2010
Wie alles anfing
Im Jahr 2002 traf sie beim Skifahren in der Schweiz Isaak Tavior, einen israelischen Pianisten, der damals gerade die innere Berufung zum Komponieren fühlte. Große Chorwerke nach biblischen Texten mit Orchester sollten es werden. Er vertonte zuerst „Vision of the dry bones“ und „Sh’ma Yisrael“, das wichtigste Gebet der Juden. Seine Kompositionen versteht er als eigenständige geistliche Werke, die jedoch einen indirekten Bezug zum Leiden des jüdischen Volkes im Holocaust haben.
Baier schlug ihm eine Aufführung seiner Werke in Deutschland vor, doch der Israeli hatte keinerlei Ambitionen, obwohl ihn bereits Engagements hierher geführt hatten. Also fasste sie einen Plan, um das Stück aufzuführen und den Renitenten in das von ihm ungeliebte Land zu locken: Sie trommelte einige Freunde und Schüler zu einem Chor zusammen und studierte mit ihnen die beiden Kantaten ein. Dann rief sie Tavior an: „Ich habe hier einen Chor. Wir können deine Stücke. Wann kommst du und dirigierst uns?“ Da konnte er nicht mehr Nein sagen. Der einzige Termin, um damals ein Konzert zu ermöglichen, war ausgerechnet der Holocaust-Gedenktag. „Das brachte ihn zum Grübeln“, erklärt Baier: „Er dachte, er kann seine Familie an diesem Datum nicht alleine lassen. Dann fragte er drei verschiedene Rabbiner um Rat. Und jeder Einzelne sagte ihm, du musst nach Deutschland und dieses Konzert geben.“ Aus dem Konzert wurde mithilfe eines evangelischen Pfarrers, der lange in Jerusalem gewesen und mit der Geschichte Israels sehr vertraut war, eine Gedenkfeier für Juden und Christen.
Dass auf diese Begegnung Schicksalhaftes folgen sollte, dämmerte ihr schon damals, sagt Baier: „Nach diesem ersten kleinen Konzert meinten alle, sie hätten so viel Freude miteinander und auch an der Musik. Dann lasst uns zusammenbleiben und einen Verein gründen.“ Das war 2006.

 

Vom Schicksal angeschubst

„Dann hatten wir die Idee, ein Festkonzert zum 60. Jahrestag der Gründung des Staates Israel zu geben.“ Das Konzert fand in der Stadthalle Bayreuth statt. Und obwohl davor Unkenrufe Desinteresse der Bevölkerung prophezeiten, wurde es ein grandioser Erfolg. „Das war wie bei einem Rockkonzert“, erinnert sich Baier. „Die Jugend hat am Ende getrampelt und geschrien. Und das Haus war voll. Wir hatten einen deutschen und einen israelischen Dirigenten, den zusätzlichen Chor aus Israel, ein Programm mit Stücken von Tavior, aber auch Mendelssohn und Mahler.“ Beide Dirigenten traten damals vor das Publikum, um sich gleichzeitig zu verbeugen. „Zuerst dirigiert der Israeli die Hymne seines Landes. Alle standen natürlich auf. Und dann setzten sich die Leute wieder, weil sie dachten, dass es das schon war. Doch danach übergab der israelische Dirigent den Taktstock an seinen deutschen Kollegen und die deutsche Nationalhymne erklang. Und auf einmal ging so ein Ruck durch die Halle – und alle mussten wieder aufstehen!“, berichtet Baier nicht ohne Begeisterung. Die Stimmung vor dem Konzert beschreibt sie jedoch als mulmig und voller Verunsicherung: „Es war so ein Gefühl, wo man nicht wusste, was kommt. Von den ganzen jüdischen Gemeinden waren Busse angereist mit viel Sicherheitspersonal. Auch unser Chor wurde ständig bewacht. Und vor allem bei den älteren Leuten im Publikum war eine enorme Anspannung zu bemerken. „Da sitzen die Israelis…“ – dieses Schuldbewusstsein, diese Beklemmung. Aber bei den Israelis war es genau das Gleiche.“

Das Zusammenkommen der Menschen und wie deren Herzen schließlich von der Musik geöffnet wurden, ergab dann eine solche Energie, erzählt Baier, dazu noch die Stücke mit den Texten. „Das kann man sich gar nicht vorstellen. Das ist total rührend, das explodiert. Dieses Verzeihen und einander Annehmen ist eine riesige Energiewelle. Musik beginnt eben dort, wo Sprache aufhört.“

 

Historischer Auftritt bei der UN

Seinen Geschichtsträchtigsten Auftritt hatte der Zamirchor im Januar 2010 im Rahmen der Feierlichkeiten der Vereinten Nationen zum Internationalen Holocaust-Gedenktag gemeinsam mit den Nürnberger Philharmonikern und dem Jerusalem Oratorio Chamber Choir aus Israel. „Eine unserer DVDs schaffte es bis zur UN in New York, die uns daraufhin als Programm haben wollte“, erzählt Baier. Doch das ging nur, wenn eine Botschaft, in diesem Fall die Deutsche, sie offiziell einlud. Die aber sei beim Thema Holocaust-Gedenken äußerst zurückhaltend gewesen: „Unser Engagement könnte völlig falsch gedeutet werden“, hieß es. Als sie mit ihrem bereits erprobten Verständnis für Vorurteile und Ängstlichkeiten bei der Botschaft nicht mehr weiterkam, fiel ihr die Handynummer von Karl Theodor zu Guttenberg ein, von dem Baier einmal einen Anruf erhalten hatte. Zufällig war sie noch im Handy gespeichert. Er reagierte auf diesen kessen Anruf am Sonntagmittag hilfsbereit und prompt mit der Beseitigung der diplomatischen Hindernisse. Nun musste der Chor „nur noch“ einen sechsstelligen Betrag an Sponsorengeldern eintreiben, um den historischen Auftritt in der UN-Assembly Hall zu realisieren. Und auch das klappte. Unter den Institutionen und Persönlichkeiten, die den Chor wiederholt stark unterstützten waren die Stadt Bayreuth mit Bürgermeister Dr. Michael Hohl, Hartmut Koschyk, parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Finanzen, das Goetheinstitut, die Staatskanzlei, der Bayerischer Musikrat, die Oberfrankenstiftung, der Bayerische Kulturfond, die Sparkasse Bayreuth und viele andere.
Aufgrund des Erfolges luden die Vereinten Nationen sie 2011 noch nach Genf ein. Außerdem gestalteten der Zamirchor und der Jerusalem Oratorio Chamber Choir ein Konzert in Annecy anlässlich des Deutsch-Französischen Freundschaftstages. Die nächsten Gastspiele sind bereits in Planung.

 

Zu Hause von der Reise erzählen

Zu seiner aktuellen Israel-Reise plant der Chor ein kleines Nachkonzert am 28. April 2012, wo mit Film, Fotos und Berichten den Bayreuther Bürgern erzählt wird, wie es dort war: Im israelischen Chor gab es zum Beispiel einen deutschen Franziskaner Mönch, der ihnen Jerusalem und Galilea zeigte. Und von einem anderen Chormitglied, einem einheimischen Juden, bekamen sie eine Führung durch die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Er sagte den Deutschen: „Meine Einstellung hat sich geändert, seitdem ich euch kenne. Nun kann ich den Holocaust von einer
anderen Perspektive aus betrachten.“ Komponist Isaak Tavior bringt die Geschichte des Chores folgendermaßen auf den Punkt: „Das sind alles Dinge, die wir nicht geplant haben. Alles passiert wie von selbst und man fühlt, dass es Teil eines höheren Plans ist.“ Und Barbara Baier ergänzt: „Es gibt da so viele Zufälle, dass es einfach nicht mehr normal ist. Da muss man einfach an den lieben Gott glauben, falls man’s vorher nicht getan hat.“ Und über den Umgang mit ihren israelischen Freunden sagt sie: „Es sind die kleinen Dinge, die uns unterscheiden. Zum Beispiel frühstücken sie da ganz anders. Salat und Brot ohne Butter. Während wir ein Marmeladenbrötchen für das Normalste der Welt halten …“
DVDs und CDs Live-Mitschnitte der Konzerte 2011 in Genf und Annecy zu finden unter:
www.zamirchor.de