N A C H R U F
Irene Hegen
Pianistin · Cembalistin · Musikwissenschaftlerin
∗ 14.02.1939 in Essen – † 19.06.2026 in Bayreuth
Der Zamirchor e.V. Bayreuth trauert um Irene Hegen. Mit ihr verlieren wir eine Musikerin und Gelehrte von seltener Hingabe, eine Künstlerin, die der Bayreuther Musikgeschichte eine ihrer schönsten Stimmen zurückgegeben hat – und vor allem eine Freundin, deren Wärme, Witz und unermüdliche Neugier uns über viele Jahre begleitet haben.
Irene Hegen war Pianistin und Cembalistin, doch keine dieser Bezeichnungen reicht aus, um zu beschreiben, was sie war: eine Frau, die die Musik nicht nur spielte, sondern sie suchte – in Archiven, in vergessenen Handschriften, in den verschütteten Lebensläufen von Komponistinnen, die die Geschichte übergangen hatte. Ihr Lebensthema fand sie an dem Ort, an dem sie lebte und wirkte: am Hof der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth (1709–1758), der musikbegabten Schwester Friedrichs des Großen, deren Schöpferkraft lange im Schatten ihres berühmten Bruders und ihres eigenen Mythos gestanden hatte.
Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Irene Hegen Wilhelmine als Komponistin der Vergessenheit entrissen hat. 1997 entdeckte sie in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar die einzige vollständige Handschrift des Cembalokonzerts in g-Moll – jenes Werks, dessen bis dahin bekannte Wolfenbütteler Abschrift unvollständig war: Es fehlten die Solostimme und ein ganzes Drittel der Komposition. Was diese Entdeckung zu einer Tat von bleibender Bedeutung machte, ahnte damals niemand: In der Brandnacht des 2. September 2004, als die Anna Amalia Bibliothek in Flammen stand und Zehntausende von Bänden verloren gingen, wurde auch diese Handschrift weitgehend zerstört. Irene Hegens Abschrift und ihre Edition bewahrten das vollständige Werk für die Nachwelt. Was sie gerettet hatte, war buchstäblich aus dem Feuer gezogen.
Im Jahr 2000 legte sie das Konzert im Furore Verlag Kassel als wissenschaftlich-kritische Ausgabe vor, mit Faksimile und ausführlichem Kommentar, und spielte es mit ihrem Ensemble Bayreuther Hof Musique ein – darunter mehrere Ersteinspielungen auf der Doppel-CD Wilhelmines Musentempel. 2002 folgte, im Auftrag der Bayerischen Schlösserverwaltung, die CD Der Bayreuther Musenhof. Ihre Editionen für den Furore Verlag – neben dem Cembalokonzert die Flötensonate a-Moll, die Cavatinen Wilhelmines sowie geistliche Werke der Maria Rosa Coccia – machten verstreute, schwer zugängliche Musik wieder spielbar. In Aufsätzen von bleibendem Rang – über Wilhelmines Oper Argenore, über die musikalischen Verschlüsselungen in ihren Kompositionen, über die markgräfliche Hofkapelle zu Bayreuth (1661–1769) – verband sie philologische Genauigkeit mit dem Gespür der Künstlerin für das klingende Detail. Dass die Zuschreibung des g-Moll-Konzerts später zum Gegenstand fachlicher Debatte wurde, schmälert ihre Leistung nicht im Geringsten; es ist im Gegenteil ein Zeugnis dafür, welche Bedeutung das hatte, was sie ans Licht geholt hatte.
Irene Hegen war zugleich Forscherin und Praktikerin – ihre Wissenschaft war nie Selbstzweck, sondern führte stets zurück auf die Bühne. Mit der Bayreuther Hof Musique und dem Ensemble Le Suonatrici brachte sie die höfische Musik Bayreuths auf historischen Instrumenten wieder zum Klingen, im Markgräflichen Opernhaus, dessen 250-jähriges Jubiläum sie mit ihrer Forschung begleitete, in der Eremitage und bei den Bayreuther Residenztagen. Im Wilhelmine-Jahr 2009 gestaltete sie in der Galerie Steingraeber die Ausstellung Barockkomponistinnen und holte so weitere übersehene Frauen aus der Musikgeschichte ins Bewusstsein. Wer Irene am Cembalo oder am Tafelklavier erlebte, spürte, dass hier jemand nicht ein Repertoire bediente, sondern eine Welt zum Leben erweckte, die ihr ans Herz gewachsen war.
Diesen Geist – freigebig erworbenes Wissen freigebig zu teilen – lebte sie auch dort, wo viele es nicht vermuten würden: in der Wikipedia. Unter dem Namen „Motmel“ verfasste sie über Jahre hinweg Artikel von großer Sachkenntnis, gerade zu jenen Themen, die sie selbst erforscht hatte – zum Cembalokonzert in g-Moll, zu Argenore, zu den Musikern des Bayreuther Hofes. Bezeichnend für sie ist, dass sich unter ihren Artikeln auch jener über ihren Mann findet: den Bayreuther Juristen Bernhard Pfister (1934–2019), langjährigen Professor für Zivil- und Sportrecht an der Universität Bayreuth und einen Pionier des deutschen Sportrechts. So wie sie Wilhelmines Werk vor dem Vergessen bewahrte, hielt sie auch sein Andenken fest – mit der Sorgfalt der Gelehrten und der Liebe der Gefährtin. Es ist ein schönes Bild für ein ganzes Leben: das eigene Wissen nicht zu hüten, sondern es zu schenken, ohne Aufhebens, allen frei zugänglich.
Dem Zamirchor war Irene auf das Herzlichste verbunden, und sie hat ihm auf vielfache Weise gedient. Immer wieder saß sie für uns am Flügel: Sie begleitete den Chor und besonders seine jungen Sängerinnen – in den Proben, bei der Arbeit mit Gastregisseuren und auf Fahrten zu Wettbewerben, etwa 2017 zum Bundeswettbewerb nach Paderborn. Ihre musikalische Sicherheit, ihre Geduld und ihre ansteckende Spielfreude waren dabei ein Geschenk, gerade für die Jüngsten. Eng wurde diese Verbundenheit auch in der gemeinsamen Arbeit an Pergolesis Kammeroper La Serva Padrona, die der Kreis um den Chor erarbeitete: Irene leitete das kleine Ensemble vom Klavier aus, mit der Sicherheit der erfahrenen Korrepetitorin und der Heiterkeit der Spielerin. „Wenn wir OPERieren wollen, dann muss es jetzt aber losgehen!“, schrieb sie einmal mit dem ihr eigenen Übermut – und genau diese Mischung aus Disziplin und Leichtigkeit werden alle in Erinnerung behalten, die mit ihr musiziert haben.
Wer Irene kannte, kannte ihren Humor, ihre Selbstironie und ihre Herzlichkeit, mit der sie noch in die kürzeste Nachricht ein augenzwinkerndes Wort oder ein heiteres kleines Zeichen zu setzen wusste. Ihre letzten Jahre, als Witwe und nach dem Abschied von ihrem langjährigen Zuhause, wurden stiller; doch ihre Treue zur Musik und zu den Menschen, die ihr nahe waren, blieb ungebrochen – noch zuletzt galt ihr Dank den Konzerten des Chores.
Wir verneigen uns vor einer Künstlerin, die Verschüttetes ans Licht gebracht, Verlorenes gerettet und Stummgewordenes wieder zum Klingen gebracht hat. Was Irene Hegen geschaffen hat – die Editionen, die Aufnahmen, die Forschung, das frei geteilte Wissen – wird bleiben. Vor allem aber bleibt die Erinnerung an einen warmherzigen, geistreichen, großzügigen und unverwechselbaren Menschen.
Möge ihr die Erde leicht sein. Wir werden sie nicht vergessen.
Bayreuth, im Juni 2026
Zamirchor e.V. Bayreuth
Christian Bubenheim, 2. Vorsitzender
im Namen des Vorstands und aller Sängerinnen und Sänger